Zur Einführung möge der gute alte Arthur Schopenhauer zu Worte kommen, da einiges gerade heutzutage an Aktualität nichts eingebüsst hat. Bitte holen Sie sich eine grosse Tasse Tee und lesen den Ausschnitt zur Einleitung der 3. Auflage "Ueber den Willen in der Natur" aufmerksam durch und bestätigen seine Ausführungen am Ende durch die "Akzeptiert"-Schaltfläche :-)
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"Aber auch im Allgemeinen ist es ein gutes Zeichen, daß der Buchhandel eine neue Auflage dieser Schrift verlangt hat; indem es auf Antheil an ernstlicher Philosophie überhaupt deutet und bestätigt, daß das Bedürfniß wirklicher Forttschritte in derselben zu jetziger Zeit dringender, als je, fühlbar wird. Dieses beruht aber auf zwei Umstände. Einerseits nämlich auf dem beispiellos eifrigen Betriebe sämmtlicher Zweige der Naturwissenschaften, welcher, größtenteils von Leuten gehandhabt, die nichts außerdem gelernt haben, droht, zu einem krassen und stupiden Materialismus zu führen, an welchem das zunächst Anstößige nicht die moralische Bestialität der letzten Resultate, sondern der unglaubliche Unverstand der ersten Principien ist; da sogar die Lebenskraft abgeleugnet und die organische Natur zu einem zufälligen Spiele chemischer Kräfte erniedrigt wird. Und die Bethörung hat den Grad erreichen können, daß man ganz ernstlich vermeint, der Schlüssel zu dem Mysterium des Wesens und Daseyns dieser bewunderungswerthen und geheimnissvollen Welt sei in den armfäligen chemischen Verwandtschaften gefunden! - Wahrlich der Wahn der Alchymisten, welche den Stein der Weisen suchten und bloß hofften, Gold zu machen, war eine Kleinigkeit, verglichen mit dem Wahn unsrer physiologischen Chemiker. Solchen Herrn von Tiegel und Retorte muß beigebracht werden, daß bloße Chemie wohl zum Apotheker, aber nicht zum Philosophen befähigt; wie nicht weniger gewissen anderen, ihrem Geiste verwandten Naturforschern, daß man ein vollkommener Zoolog seyn und alle sechzig Affenspecies an Einer Schnur haben kann, und doch, wenn man außerdem nichts, als etwan nur noch seinen Katechismus, gelernt hat, im Ganzen genommen, ein unwissender, dem Volke beizuzählender Mensch ist. Dies ist aber in jetziger Zeit ein häufiger Fall. Da werfen sich Leute zu Welterleuchtern auf, die ihre Chemie, oder Physik, oder Mineralogie, oder Zoologei, oder Physiologie, sonst aber auf der Welt nichts gelernt haben, bringen an diese ihre einzige anderweitige Kenntniß, nämlich was ihnen von den Lehren des Kathechismus noch aus den Schuljahren anklebt, und wenn ihnen nun diese beiden Stücke nicht recht zu einander passen, werden sie sofort Religionspötter und demnächst abgeschmackte, seichte Materialisten. Aut catechismus, aut materialismus, ist ihre Losung. Daß es einen Plato und Aristoteles, einen Locke und zumal einen Kant gegeben hat, haben sie vielleicht ein mal auf der Schule gehört, jedoch diese Leute, da sie weder Tiegel und Retorte handhabten, noch Affen ausstopften, keiner näheren Bekanntschaft werth gehalten; sondern die Gedankenarbeit zweier Jahrtausende gelassen zum Fenster hinauswerfend, philosophieren sie aus eigenen reichen Geistesmitteln, auf Grundlage des Katechismus einerseits und der Tiegel und Retorten, oder der Affenregister, andererseits, dem Publiko etwas vor. Ihnen gehört die unumwundene Belehrung, daß sie Ignoranten sind, die noch Vieles zu lernen haben, ehe sie mitreden können. Und überhaupt Jeder, der so mit kindlich naivem Realismus in den Tag hinein dogmatisiert, über Seele, Gott, Weltanfang, Atome u. dergl. m., als wäre die Kritik der Reinen Vernunft im Monde geschrieben und kein Exemplar derselben auf die Erde gekommen - gehört eben zum Volke: schickt ihn in die Bedientenstube, daß er dort seine Weisheit an den Mann bringe. Er wird auch dort Leute antreffen, die gerne mit aufgeschnappten Fremdwörtern, die sie nicht verstehen, um sich zu werfen, gerade so wie Er, wenn er z. B. gern vom "Idealismus" redet, ohne zu wissen, was es bedeute, und es daher meistens statt Spiritualismus gebraucht (welcher als Realismus das Gegentheil des Idealismus ist), wie man Dies in Büchern und kritischen gelehrten Zeitschriften 100 Mal sehen kann; nebst ähnlichem quid pro quo`s."
Arthur Schopenhauer, "Ueber den Willen in der Natur"³, 1854 in "Arthur Schopenhauer`s sämmtliche Werke", herausgegeben von Eduard Grisebach, Leipzig, 1891